Managerin über Berufseinstieg nach der Therapie

In der 32. Folge des Krebs Podcast steht ein Perspektivwechsel im Mittelpunkt: die Sicht einer Patientin, die zugleich jahrzehntelange Erfahrung in der Pharmaindustrie mitbringt. Dazu spricht Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli mit Yvonne Ulrich – Führungskraft in der klinischen Medikamentenentwicklung, Co-Wissenschaftlerin und selbst zweifach an Brustkrebs erkrankt.

Yvonne Ulrich erzählt, wie eine Krebsdiagnose das eigene Leben und Arbeiten verändert: von der unerwarteten Nachricht über die schwierige Wartezeit bis hin zur Rückkehr in den Beruf. Sie berichtet, wie wichtig Offenheit und Kommunikation im Umgang mit Kollegen, Vorgesetzten und vor allem mit den eigenen Kindern sind. Und sie zeigt, wie aus einer persönlichen Krise neue Stärke, Klarheit und Lebensfreude entstehen können.

Ein zentrales Thema der Folge ist auch der Aufbau von Patientengemeinschaften innerhalb großer Unternehmen. Mit “YES@work” hat Yvonne Ulrich eine Plattform geschaffen, die Betroffene miteinander verbindet, Mut macht und ihre Erfahrungen sogar in die Entwicklung neuer Therapien einbringt. Ihre Geschichte verdeutlicht, wie Patienten durch ihre Perspektive einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Krebsmedizin leisten können.

Darüber hinaus geht es um ganz praktische Fragen:
Wie gelingt die Wiedereingliederung in den Job nach einer Therapie?
Welche Rolle spielen Achtsamkeit, Bewegung und Selbstfürsorge im Heilungsprozess?
Und warum ist es so wichtig, offen über Krebs zu sprechen – auch, um Tabus zu brechen und anderen Halt zu geben?

Die Botschaft dieser Folge: Krebs verändert vieles, aber er kann auch neue Kraft und Sinn stiften. Offenheit, Vernetzung und ein bewusster Umgang mit der eigenen Gesundheit helfen, die Krankheit nicht nur zu überstehen, sondern auch daran zu wachsen.

Podcasthost und Sprecher:
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli (Direktor der Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie (CVK) und Klinik für Gynäkologie (CBF), Charité Berlin) @dr.ssehouli

Gast: Yvonne Ulrich (Führungskraft in der klinischen Medikamentenentwicklung und selbst zweifach an Brustkrebs erkrankt.)

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Der Krebs Podcast

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  Informationen und Transkript anzeigen

Herzlich willkommen bei der Krebspodcast. Hier sprechen führende Mediziner und Experten über aktuelle Therapien, Forschung, Lebensqualität und das, was Patienten und Angehörige wirklich bewegt. Wissenschaftlich fundiert und verständlich erklärt.

Schön, dass Sie dabei sind.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Ich begrüße heute alle zu einem ganz besonderen Krebspodcast unserer Reihe zu Krebserkrankungen, um alle Perspektiven zu reflektieren. Und heute ein ganz besonderer Gast, und zwar Frau Yvonne Ulrich, ein Mensch mit sehr vielen Lebenserfahrungen.

Und warum wir Sie oder warum wir Dich ausgesucht haben, ist, weil Du einmal die Perspektive aus der Gesundheitsindustrie, Du kannst das dann viel besser nochmal erklären, aber auch gleichzeitig als Betroffene, aber auch als Co-Scientist, also als Co-Wissenschaftlerin bei der Entwicklung und auch bei der Einführung von Krebsmedikamenten, eben verschiedene Perspektiven in Dir trägst. Und das wollen wir heute mit Dir besprechen. Und niemand kann sich aber besser beschreiben als Frau Ulrich Selbst.

Und deswegen, wie würdest Du Dich denn beschreiben? Und wie gehst Du, und das kommt dann später nach und nach, mit den verschiedenen Rollen klar?

Yvonne Ulrich: Ja, danke. Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, hier sein zu können.

Yvonne Ulrich ist mein Name. Ich bin 30 Jahre plus in der Pharmaindustrie tätig. Irgendwann hat man auch zu zählen.

Also schon eine sehr lange Zeit auch immer in der klinischen Entwicklung, also Entwicklung von Medikamenten tätig gewesen. Und war lange bei Roche und auch lange bei Novartis in Basel in internationalen Führungspositionen. Und dann vor elf Jahren oder so, ja fast elf Jahre ist das schon her, hatte ich meine erste Krebsdiagnose plus Krebs. Und das hat meine Perspektive geändert von, ja, ich arbeite für die Patienten da draußen, hin zu, ich bin selber Patient. Als ich zurückkam nach vier Monaten Behandlung, bin ich in die Gänge und in die Bürosäume gegangen, habe jeden irgendwie angeschaut, jede achte Frau hat plus Krebs, wo sind die denn alle? Und ich wusste von keinem. Also das war so der Startpunkt, wo ich das allererste Mal gemerkt habe, ja, wir arbeiten für die Patienten da draußen, und sprechen aber nie mit hunderttausend Mitarbeitern, was Roche hat im Moment. Wo sind die Patienten intern? Und da bin ich dann in die Kommunikation gegangen und einen Aufruf gestartet, wer sich mit mir verbinden möchte, weil ich einfach mit anderen Patienten, Patientinnen reden wollte, wie machen die das denn? Weil so eine Krebsdiagnose verändert einen ja schon. Und das hat auch mein ganzes Besuchsleben nachher verändert, weil vor zwei Jahren hatte ich dann die zweite Krebsdiagnose und habe dann auch nochmal eine Entscheidung getroffen, mein Arbeitsleben neu zu sortieren und auszusichten im Namen von Mitarbeitern, die eine Krebsdiagnose haben. Was können wir besser tun und besser machen?

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Yvonne, kannst du dich noch erinnern an den Tag, wo die Diagnose, Sie haben Brustkrebs, ausgerufen wurde? Aber kannst du mir noch den Tag davor beschreiben, wie der aussah in deinem Berufsleben? Der Tag vor der Diagnose, Sie haben Brustkrebs, wie sah der Tag aus?

Yvonne Ulrich: Ganz geschäftig beschäftigt, fokussiert auf die alltäglichen Dinge der Arbeit. Und in der Pharmaindustrie sind wir alle immer sehr, sehr beschäftigt, also gestresst von E- Mails und iMeeting zum anderen gesandt und sich fokussiert auf die Arbeitspakete, mein Team, das ich geleitet habe, das Führungsmeeting, was jetzt übermorgen stattfinden soll und nächste Woche muss ich nach San Francisco und so. Also das war so der Tag davor. Und ich wollte eigentlich in Urlaub fahren und hatte einfach noch diese Kontrollmammographie, die ich initiiert hatte, weil ich auch familiär gehäuften Brustkrebs habe und eine Freundin verloren habe im jungen Alter, zwei Jahre davor. Und dem nachgegangen bin, gesagt habe, okay, ich war 43 damals, ich sollte doch vielleicht engmaschiger kontrolliert werden. Und ich wusste, okay, morgen habe ich die Mammographie und wollte gleichzeitig mit meinen Eltern und meinen zwei Söhnen in den Urlaub fahren. Also Auto gepackt, abends alles vorbereitet, morgens entspannt zur Mammographie gefahren und dann wurde alles anders.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Und wie war es bei der Diagnose? Wie hast du die wahrgenommen? Wie kam die Nachricht, sie haben Brustkrebs? Wie wurde sie übermittelt und kannst du dich noch in die Situation zurückbesinnen? Welche Emotionen? Wie war es?

Yvonne Ulrich: Ja, das weiß ich sehr genau, weil diese erste Diagnose, sage ich immer, die schlimmste Zeit meines Lebens war, weil ich gar nicht wirklich damit gerechnet habe, sondern die Kinder saßen schon im Autokoffer gepackt. Zur Mammographie, sie schaut es an, guckt zurück und sagt, gefällt mir nicht so, was ich da sehe. Kalkablagerung, wir machen eine Biopsie.

Ich so, ja, ich habe aber die Kinder im Auto, wir fahren jetzt ein verlängertes Wochenende nach Italien, ich komme dann nächste Woche wieder und dann können wir die Biopsie machen. Und dann sagt sie, nee, nee, das machen wir sofort. Und ich rufe persönlich an.

Die Radiologin hat mir einen persönlichen Termin sofort gemacht. Ich war da mittags und am Nachmittag war ich schon zur Biopsieentnahme. Dort der Arzt schaut mich an und sagt, also geschulte Ärzte haben ja ein gutes Auge, und sagt schon, das sieht nach Krebs aus.

Und da war ich immer noch so ein bisschen in dieser, na ja, vielleicht doch nicht und so. Jetzt warten wir erstmal ab, was die Biopsie sagt. Hat er die Biopsie entnommen und hat mich dann weggeschickt.

Sie wissen ja, das dauert ein paar Tage. Und das fand ich einfach die schlimmste Zeit, weil jeder hat mir gesagt, das ist Brustkrebs. Ich wusste, es kommt was.

Und dann durfte ich in Urlaub fahren mit meinen Kindern. Da ist mir aber der Appetit vergangen. Da habe ich auch nichts mehr, wirklich viel von Italien genießen können oder essen können.

Und war dann so diese vier, fünf Tage mit dieser Belastung. Ja, es kommt dann ein Ergebnis. Ich komme dann nächste Woche zurück und dann bekomme ich das Ergebnis.

Wie schlimm ist es? Das war immer die Frage für mich. Wie schlimm ist es? Muss ich da dann sterben? Meine Freundin ist mit 44 innerhalb von zehn Monaten verstorben. Von Diagnose bis sie verstarb.

Also wusste ich, es kann recht schnell gehen, aber es kann auch positiv sein. Ich arbeite ja in der Industrie auch in Brustkrebs. Roche hat viele Brustkrebsmedikamente.

Aber diese Wartezeit und diese Unklarheit und auch vor allem habe ich das erste Mal gespürt, ich bin ganz allein. Also da war kein Mensch mehr, nach dem es kommt was.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Yvonne, wir gehen heute ja auch nochmal auf das Thema ein, wie kann man denn wieder zurück in das so in Anführungsstrichen normale Leben. Und zwar in das normale Leben, was man für sich als normal oder als lebenswert eben definiert. Und das Leben natürlich im Bereich des Berufes, wo es ja um, sage ich mal, auch harte Fakten geht, um Aufträge, um Projekte und so weiter.

Jetzt gehen wir nochmal zurück.

Die Ärzte haben dich schon so zumindest indirekt auf eine Krebserkrankung hingewiesen. Und du warst auf der Reise nach Italien. Was hast du den Kindern gesagt?

Yvonne Ulrich: Den Kindern habe ich gesagt, weil mein einer Sohn, der war 13, der andere 9 oder wurde 10. Und die waren beide bei der Beerdigung von meiner Freundin. Und ich habe gesagt, ich habe jetzt eine Untersuchung gemacht, es könnte Brustkrebs sein. Es gibt aber ein ganz großes Spektrum von Brustkrebs. Ich weiß es noch nicht, was es genau ist, aber ich werde es nächste Woche erfahren. Und als ich dann die Diagnose hatte, war ich dann auch erleichtert, weil es war ein frühes Stadium. Dann wurde eben gesagt, klar, das Spektrum ist groß. Ich bin frühes Stadium, es ist gut behandelbar mit OP, Bestrahlung, Antihormontherapie. Und das habe ich meinen Kindern auch erklärt. Und die erste Frage, die sie gestellt haben, nachdem ich auch die Diagnose und die Details hatte, Mama, darf ich das erzählen in der Schule? Und das hat mich so aufgerüttelt in der Gesellschaft, wie Kinder in dem Alter schon wissen, Krebs ist tabu, da spricht man nicht drüber.

Und da habe ich sie aufgerufen und gesagt, natürlich erzählt das, teilt es mit euren Freunden, mit den Lehrern, weil das macht ja auch was mit euch. Ich gehe jetzt durch eine Therapie und das dauert jetzt vielleicht ein paar Monate. Aber ich bin ganz sicher, ich werde die nächsten fünf Jahre auf jeden Fall überleben.

Und es tötet nicht jeder Krebs. Also insofern haben sie das dann auch geteilt, auch im Sportverein und in der Schule und haben dann Rückmeldungen bekommen. Ah, meine Mama auch.

Und mein Papa, der hatte den Krebs. Und dem geht es heute gut.

Und das war für mich so ein Schlüsselerlebnis, dass ich gedacht habe, wir müssen über Krebs reden. Jeder denkt, gleich stirbt man und man spricht nichts drüber. Aber die Kinder kamen wirklich bestärkt zurück und gesagt, ach ja, meine Freundin und hier, der hat das auch.

Und der hatte die Mutter auch, was sie dann wirklich motiviert hat oder positiv gestimmt. Ja, also bei der Kommunikation darf man eigentlich keine Regeln haben. Und man sollte auch nie sagen, man muss das so oder so machen.

Aber grundsätzlich ist es natürlich dann, wenn der Mensch in einer schwierigen Situation ist, großartig, wenn er gefragt wird, wie man die Kommunikation macht. Und vieles bleibt nämlich unausgesprochen. Ich finde das total mutig.

Und ich finde das aber total großartig, dass du eben das proaktiv, das hast du ja entschieden, es wird nicht über dich gesprochen, weil letztendlich wird immer gesprochen, auch wenn man nicht redet, sondern man beobachtet. Und gerade Kinder, glaube ich, die sind ja sehr sensibel für nonverbale Kommunikation. Also die Kommunikation ohne Sprache sind großartige Meisterinnen und Meister des Beobachtens und des Wahrnehmens, der Chemie.

Und das proaktiv anzusprechen, wenn man das will, kann total der richtige Weg sein für den einzelnen Menschen. Und deswegen finde ich das großartig. Aber dazu bedarf es natürlich auch eine gewisse Sicherheit.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Um dieses Thema auch, wie der Eingliederung. Und ist denn das überhaupt noch möglich? Du warst ja eben als Führungsperson ja genau in der Position, wo du über Frauen mit Brustkrebs oder mit anderen Erkrankungen immer gesprochen hast, Strategien entwickelt hast. Wie war das aber jetzt in dem Moment, als du eben genau auf der anderen Seite, konntest du denn dich wirklich auf diese Patientinnen- und Betroffenebene begeben? Oder wackelst du, oder war das für dich eben ein Seilakt, zwischen diesen verschiedenen Rollen zu manövrieren? Und wann war es, dass du einen deiner Kolleginnen und Kollegen davon berichtet hattest?

Yvonne Ulrich: Ja, ganz am Anfang, als ich die Diagnose bekommen habe, habe ich meiner Vorgesetzten darüber berichtet.

Und sie hat vollen Support mir angeboten, gesagt, nimm jetzt sofort frei, wie du magst. Du darfst natürlich auch arbeiten kommen, konzentrier dich auf die Behandlung. Und sie hat mich gefragt, kann ich das mit unserem Case-Management damals teilen? Und möchtest du kontaktiert werden? Und ich so, ja, gerne.

Und ich wusste gar nicht, was auf mich zukommt, auch von der Arbeitgeberseite. Da ist so viel Administration, da fragen sie sich schon, da bin ich erst zwei Wochen in der Therapie, werde ich schon gefragt, wann kommst du denn zurück? Und bist du berufssunfähig? Oder können wir eine Lohnvorzahlung erwarten? Das interessiert mich im Moment überhaupt nicht, weil ich gar nicht weiß. Also im Moment konzentriere ich mich auf meine Krankheit und auf meine Therapie.

Und diese Person hat mich dann kontaktiert, dieser sogenannte Case-Manager, nächsten Tag, und hat mir alles abgenommen. Das war wunderbar organisiert. Das war eine Person, die auch gesagt hat, wie geht es dir? Kann ich dir helfen? Brauchst du eine Zweitmeinung? Kann ich dich verbinden? Das sind jetzt die Prozesse, auch von der administrativen Seite, ich koordiniere das für dich.

Die Wiedereingliederungsgespräche, die dann ja auch irgendwann kommen, obwohl ich die noch gar nicht wollte, weil sie viel zu früh sind, hat die Person mir aber abgenommen. Und das fand ich sehr, sehr positiv. Und meine Vorgesetzte hat mich auch gefragt, ob ich das teilen kann oder nicht.

Da hat ja jeder sein gutes Recht, auch das gar nicht zu kommunizieren. Ich bin den Weg gegangen. Ich möchte das kommunizieren.

Ich bin sehr offen und kann dann auch viel besser damit umgehen, als wenn ich irgendwas verheimlichen muss. Insofern war das von Tag eins an bekannt. Und ich bin dann nach vier Monaten, nach der Therapie, nach der Bestrahlung, langsam wieder eingegliedert worden.

Und das war eine ganz andere Erfahrung, weil der Prozess und der Case-Manager ist das eine. Da habe ich mich sehr gut unterstützt gefühlt. Das harte Geschäft ist ein anderes.

Erst sagen alle, ja, hallo, schön, dass du wieder da bist. Zack, nächstes Agenda-Topic, nächste Woche LT-Meeting in San Francisco. Kannst du denn schon reisen? Ich so, ich glaube schon.

Ich bin nur mittags immer wieder so fatig. Kommt ja dann auch nach so einer Behandlung müde. Ja, da kannst du dich ein bisschen aussuchen.

Okay, da habe ich dem zugestimmten Leadership-Team-Meeting gehabt. Ich habe mir einfach mittags eine Stunde rausgenommen und bin ganz raus. Und mich ausgesucht und habe dann im Nachhinein erfahren, dass auch ein Kollege dann gesagt hat, ja, wenn sie nicht fit ist, soll sie auch nicht kommen.

Dann braucht sie ja nicht noch eine Stunde Pause machen. Also das ist schon das harte Geschäft. Da ist es dann egal, ob mit Krebsdiagnose oder Therapie, Menschen in solchen Positionen vergleichen dann und sagen, nö, dann brauchst du gar nicht kommen.

Das hat schon einiges mit mir gemacht.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Aber wie gehst du damit um? Also auf der einen Seite will man ja nicht als die Brustkrebspatientin oder die Brustkrebskollegin wahrgenommen werden und auch stereotypisiert oder eingruppiert werden. Du bist ein Mensch mit einer Brustkrebserfahrung und natürlich mit ganz vielen anderen Erfahrungen.

Auf der anderen Seite ist eben das Geschäft trocken und hart. Was wäre dein Tipp für Menschen, die eben gerne arbeiten, auch wieder in die Arbeit wollen, aber vielleicht Unterstützung brauchen, sich abzugrenzen. Gerade im Beginn, wenn es wieder eben ganz normal wird oder normal werden soll.

Was glaubst du, braucht man und wie kann man sich darauf vorbereiten, dass es genau diese Konflikte gibt?

Yvonne Ulrich: Also ich kann ja nur für mich sprechen. Ich weiß, dass jede Krebserfahrung ganz individuell und auch ganz unterschiedlich ist und auch wahrgenommen wird. Für mich war es ganz wichtig, in die Kommunikation zu gehen, vor allem als ich zurückkam und gedacht habe, wo sind denn alle diese Patienten und Patientinnen? Und deswegen habe ich dann meine Geschichte geteilt unter meinen Kollegen unter Leadership, aber auch unter der Kommunikation und Corporate Communication, die dann natürlich auf den Zug aufgesprungen sind, weil ich immer wieder davon geredet habe, wir machen tolle Strategien und achten null auf die Patienten von den 100.000, die ich gesprochen habe.

Jeder zweiter Mensch erfährt irgendwie Krebs, haben wir ein ordentliches Portfolio an Patientenerfahrungen und keiner achtet darauf in so einem Unternehmen. Insofern habe ich meine Geschichte geteilt und dazu aufgerufen, andere Betroffene erstmal mit Pluskrebs angefangen, wenn sie möchten, sich mit mir auszutauschen und zu verbinden. Ich habe dann eine Gruppe gegründet, Patients R Us, und dann kamen auf einmal ganz viele, international hatte ich ganz schnell 85 Frauen zusammen, die gesagt haben, ja, ich auch, ich auch, ich auch und wir teilen unsere Erfahrungen und das ist schon mal ein Raum, auch für Menschen, die jetzt gerade neu diagnostiziert wurden, da gibt es eine Gruppe Patients R Us, ich möchte mich austauschen und mich hat es sehr motiviert, bei meiner ersten Diagnose und bei der zweiten dann auch zu sehen, ah, die Frau hatte auch schon, ich hatte das schon vor 15 Jahren oder wenn ich jetzt sage, ich hatte vor 10 Jahren und vor 2 Jahren nochmal und mir geht es gut und ich bin geheilt, das motiviert und diese positiven Geschichten haben wir dann ausgetauscht in diesem Forum, in dieser Patienten Patients R Us Community, das haben dann andere so mitbekommen, gesagt, ich habe ein Melanom und ich habe einen Lungenkrebs und ich habe ähm, andere schwere Erkrankungen und das hat mich dann motiviert, nebenberuflich, ich hatte ja einen anderen Job, aber ich habe das zusätzlich gemacht, so eine interne Patienteninfrastruktur aufzubauen bei Roche, das wuchs dann mit Unterstützung von anderen, natürlich Mitarbeitern zu einem Caring, heißt es heute und mittlerweile sind da über 28 solcher Disease Communities, sehr viele Krebscommunities drin, um Mitarbeiter untereinander zu vernetzen, sich auszutauschen, aber was mir noch wichtig war, weil ich habe ja diese, du hast ja vorhin gefragt, ich habe ja zwei Rollen, ich habe diese Patientenrolle, aber ich habe auch diese Scientist in Drug Development Brille auf und mir fehlte diese ganz konkrete Anlaufstelle von Anfang an, wir arbeiten mit Patientenorganisationen extern, aber warum nicht diese kurze Schnittstelle zu internen Patienten, also insofern wurden wir dann wirklich Kompetenzpartner und ist heute bei Roche noch so, 28 Patientin Communities, ja mehr als 350 interne Projekte laufen, wo interne Projektteams die Patienten anfragen können, hier ist eine App, schaut das klinische Studienprotokoll an, ich war so Patient Strategist im Clinical Development Plan und auf der kleinen, also unterschwelligen Tonspur unterwegs, wo für mich dann auch so eine Sinnhaftigkeit natürlich kam, ich kann die Erfahrung teilen von der Patienten Seite, um bessere Medikamente zu entwickeln und auch klinische Studien ist ja so ein riesen Thema, wir entwickeln super klinische Studien, keiner geht hin, weil sie viel zu komplex sind oder einfach auch nicht in der Realität dann so gut angenommen werden und das hat sich wirklich sehr erfolgreich herausgestellt und viele Menschen mit so einer Erkrankung sehen dann auch, sie können was zurückgeben.

Also ich glaube das ist so verrückt das ja klingt, ja letztendlich ist das ja eine lebendige Zusatzqualifikation im Crash-Kurs und das ist natürlich trotzdem auch kompetenzsteigernd, also egal in welchen Ebenen, ich glaube das ist auch gar nicht nur für Menschen, die aus der Gesundheits Medizin, sage ich jetzt einfach mal oder aus diesen Sektoren kommen, sondern letztendlich vielleicht sogar übertragbar auf andere Bereiche.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli:  Was hast du, wenn du das jetzt vielleicht in so einer Meta-Ebene nehmen würdest und du bist ja auch eine Führungspersönlichkeit. Natürlich hast du bestimmte Qualifikationen, die dich auch für diesen Beruf ja qualifiziert haben lassen. Aber was glaubst du, dass durch diese Erkrankung noch besser geworden ist?

Yvonne Ulrich: Also ich sage immer mein erster oder auch mein zweiter Krebs hat mich kontinuierlich stärker gemacht und glücklicher. Also ich bin durch die Krebserkrankung klarer geworden, was möchte ich, was möchte ich nicht. Welche Beziehungen möchte ich eingehen, welche möchte ich nicht mehr eingehen.

Von positiven Beziehungen, negative Beziehungen, wie gestalte ich mein Leben, dass ich maximal glücklich und gesund und stark bin über den Tag. Ich habe mir so quasi verschiedene, ein neues Lebensmodul kreiert, was auf fünf Säulen basiert. Also dazu gehört, dass ich jeden Tag angefangen habe zu joggen und das mache ich jetzt über zehn Jahre, immer fünf, sechs Kilometer hoch, runter.

Hätte ich nie gedacht, dass ich das so durchhalten kann. Habe mir einen Hund zugelegt, mein Mann wollte sich scheiden lassen, weil er keinen Hund haben wollte. Wir sind noch zusammen und sind glückliche Hundebesitzer jetzt auch seit neun Jahren.

Die läuft dann immer mit. Also solche Dinge. Ich habe viel klarer gelebt und lebe nach wie vor viel klarer in meinem, was brauche ich, um glücklich zu sein, ohne egoistisch zu sein, sondern klarer sollen im Sinne von sich selbst gut zu versorgen und dann kann ich viel mehr geben.

Es hat sich so viel entfaltet. Ich habe mich beruflich auch viel weiterentwickelt. Ich glaube einfach, weil ich mutiger geworden bin.

In dem Sinne stärker durchs Laufen. Ich mache jeden Tag Meditation. Das gehört dazu.

Achtsamkeit, mich abzugrenzen, auch zu Terminen Nein zu sagen, weil jetzt habe ich heute Morgen mein Gesundheitsprogramm. Vitamine, integrative Onkologie habe ich mich sehr viel mit beschäftigt. Man kann sehr viel tun, um auch die Behandlungen, die sehr stark und schwierig sind.

Bei meiner zweiten Erkrankung hatte ich dann auch Chemo und ich bin durch die ganze Chemo gejoggt. Am zweiten Tag konnte ich joggen. Ich konnte eigentlich mein Leben weiterleben.

Ich konnte arbeiten, nicht in der ersten Woche, aber Woche zwei und drei. Das hätte ich nie gekonnt, wenn ich nicht gewusst hätte, was ich durch meine Patienten Community und durch viele Ärzte auch bei Roche und unter anderem auch externe gelernt habe. Was kann ich noch tun? Und es ist für mich, meine Freundin hat irgendwann mal gesagt, das klingt ja doof, aber irgendwie bin ich ja neidisch auf deine Krebserkrankung, weil sie diesen Wandel erlebt hat, auch von mir, dass ich dann auch viel klarer bin und auch in dem Moment genieße und lebe und mich auch mutig weiterentwickele.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass Gesundheit über körperliches, mentales und soziales Wohlbefinden definiert ist und nicht nur über Tumormarker oder Röntgenbefunde, sondern eben tatsächlich man alle Säulen stärken sollte und stabilisieren sollte und das, was du auch angesprochen hast, diese Quality Time, dass man sich eben also erstmal überlegt, was will ich denn mit meiner Zeit, die ja grundsätzlich im Leben limitiert ist, eigentlich anfangen? Mit welchen Ergebnissen oder mit welchen Produkten oder mit welchem Umfeld? Und ich glaube, das ist auch ein Geheimnis auch bei dir, dass du es geschafft hast, hat ganz viel mit dir zu tun, aber auch mit deiner Umgebung, dass dort Vertrauen ist, dass man auch eben das erzählen kann, wie es ist und ohne gleich die Lösung zu haben, aber ich glaube, das ist ganz wichtig, dieses Vertrauen und auch eine Atmosphäre zu schaffen, dass sowas möglich ist, ohne das aufzuzwingen. Es gibt Menschen, die das nicht wollen und du kennst aber auch, du hast das ja in einer wirklich großartigen Metamorphose weiterentwickelt, sage ich jetzt einfach mal, aber du kennst wahrscheinlich auch Menschen, die sagen, dass Arbeiten krank gemacht hat und krank macht. Was sagst du diesen Menschen?

Yvonne Ulrich: Also ich sage, es ist auch von außen herangetragen, es ist sehr oft hört man als Patient, du hast was falsch gemacht, du hast geraucht, deswegen kriegst du Lungenkrebs, du hast zu viel Stress, deswegen hast du einen anderen Krebs, du hast zu viel getrunken und deswegen hast du diesen Krebs und das sind so viele Faktoren, die eine Erkrankung auslösen.

Es ist nicht nur das eine oder das andere, es wäre ja schön, wenn es wirklich so wäre, dann würden wir alle uns nicht mehr so stressen. Also ich glaube nicht, dass Stress alleine, jetzt weil ich einen sehr bewegten Beruf hatte, der mir sehr viel Spaß macht und ich reise gern, ich war sehr viel unterwegs und es ist nicht so ein riesen empfundenen Stress, den ich hatte, also es ist immer auch persönlich unterschiedlich, aber ich sage, keiner hat Schuld an seinem Krebs, auch wenn wir das gerne so verkaufen und denken, jaja, wenn wir den Lebensstil so ändern würden und eine Geschichte ganz kurz, ich bin die Dritte von drei Frauen, also Geschwistern, meine beiden Schwestern haben beide geraucht, waren nie sportlich, ich war die Sportlichste, die Schlankeste, die Fitteste, hab am meisten auf meine Ernährung geachtet und ich hab Krebs bekommen, die beiden zum Glück nicht. Das sage ich dann.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli:  Also es ist nicht nur, wir haben das nicht alles im Griff. Da gibt es sehr viele Untersuchungen, die das noch belegen, dass letztendlich Stress nicht die Ursache von Krebserkrankungen ist. Natürlich ist Stress nicht gesund, aber es gibt ja Stress, was mit Werten oder mit einer Sinnhaftigkeit assoziiert ist und wie gesagt, es ist zu leicht zu glauben, dass Stress eben immer negativ ist oder Stress, wenn ich den beseitige, dass dann plötzlich eben man nur gesund bleibt, egal in welcher Definition, ob das jetzt kardiovaskulär, also Herz-Kreislauf oder eine Krebserkrankung ist und deswegen ist das so wichtig, dass man sich aber die Frage stellt, was will ich tun und da gibt es ganz schöne Studien, die auch zeigen, dass wenn man ein Langzeitüberlebende versucht zu charakterisieren, da hat ganz viel was mit sozialem Umfeld zu tun, mit Sinnhaftigkeit, des Wirkens und deswegen ist das so großartig, dass man eben versucht, eben aus Dingen zu lernen und auch nicht gleich unmittelbar ist, manchmal braucht man Zeit dafür und deswegen finde ich das so großartig, dass du eben auch dabei hilfst, eben diese Krankheit, die weiter mystifiziert und tabuisiert ist, eben sprechbar und begehbar zu machen und wenn man dich anschaut, dann würde ich sagen, du hast einen deutlich höheren Gesundheitsstatus als ich gerade, der nicht jeden Tag fünf bis sechs Kilometer läuft, aber zumindest versucht, keinen Fahrstuhl zu nehmen und immer Treppen zu nehmen.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Ich danke dir sehr für deinen Mut, für deine Kraft, wünsche dir alle Kraft, dass du weiter so gesund bist und auch so positiv für dich selbst, aber für deine Familie, aber auch für die Gesellschaft wirkst und möchte auch deinen Krebspodcast heute dafür zum Anlass nehmen, eben Mut zu haben, weil du bist da ein wunderbares Symbol dafür und danke dir, dass du heute zu Gast bei unserem Krebspodcast warst.

Yvonne Ulrich: Vielen Dank, dass ich hier sein durfte.

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