Sonderfolge: Bundesverdienstkreuz für Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli

Die 35. Folge des Krebs Podcast ist eine Sonderfolge in der eine außergewöhnliche Persönlichkeit der modernen Medizin im Mittelpunkt steht: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli. Anlass des Gesprächs ist eine besondere Ehrung: Ihm wird das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen – als Anerkennung für sein Wirken als Arzt, Wissenschaftler und gesellschaftlicher Brückenbauer.
Im Gespräch mit Podcast-Host Christian Bracht blickt Prof. Sehouli jedoch nicht nur auf eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere mit über 1.000 Publikationen zurück, sondern vor allem auf die Haltung, die sein medizinisches Handeln prägt. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die Krebsmedizin von einer rein krankheitszentrierten hin zu einer patientenzentrierten Onkologie entwickelt hat – und warum Lebensqualität, Kommunikation und echte Partizipation der Patientinnen und Patienten dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Prof. Sehouli spricht offen über Schlüsselmomente seiner Laufbahn, über Forschung jenseits reiner Therapieoptimierung und über Themen, die in der Medizin noch immer zu wenig Beachtung finden: Versorgungsforschung, Zeitbelastung durch Therapien („Time Toxicity“) und die Notwendigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur zu produzieren, sondern auch konsequent in der Praxis umzusetzen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist sein Engagement als Brückenbauer zwischen Kulturen und Gesundheitssystemen, insbesondere zwischen Deutschland und Marokko. Prof. Sehouli erklärt, warum globale und transnationale Kooperationen gerade in Zeiten multipler Krisen unverzichtbar sind – und weshalb Medizin immer auch kulturelle, soziale und gesellschaftliche Dimensionen berücksichtigen muss.
Abgerundet wird das Gespräch durch einen persönlichen Blick auf die Rolle von Sprache, Erzählen und Öffentlichkeit in der Medizin: Warum Podcasts, Bücher und Kunst wichtige Zugänge schaffen können, die klassische Wissenschaftskommunikation oft nicht erreicht. Und weshalb am Ende nicht Titel oder Auszeichnungen zählen, sondern die Liebe zum Menschen.
Diese Sonderfolge zeigt, warum das Bundesverdienstkreuz mehr ist als eine individuelle Ehrung – und was es bedeutet, Medizin als Verantwortung, Beziehung und gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen.
Podcasthost und Sprecher:
Christian Bracht im Gespräch mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
(Direktor der Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie (CVK) und Klinik für Gynäkologie (CBF), Charité Berlin)
Mehr Infos und weitere Folgen unter:
Der Krebs Podcast
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Christian Bracht
Willkommen zum Krebs Podcast. dieser Sonderfolge sprechen wir mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli einem der international führenden Experten für Gynäkologische Onkologie und Mitgründer dieses Krebs Podcasts. Anlass ist eine besondere Ehrung. Am 14. Januar 2026 wird ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. Die Auszeichnung würdigt nicht nur eine außergewöhnliche wissenschaftliche Karriere mit über 1000 Publikationen und internationalen Studien, sondern vor allem ein medizinisches Verständnis, das den Menschen konsequent in den Mittelpunkt stellt. Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli steht für Onkologie, die Forschung und Empathie verbindet, für patientenzentrierte Medizin, für strukturierte Kommunikation und für die Überzeugung, dass Heilung mehr ist als Therapie allein. Darüber hinaus engagiert er sich seit vielen Jahren für den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und Marokko. Er versteht Medizin als Brückenarbeit zwischen Kulturen, Systemen und Lebensrealitäten. In diesem Gespräch geht es nicht nur Auszeichnung, sondern Haltung, Verantwortung in der Medizin, Patientinnen-Empowerment, Forschung jenseits von Zahlen und die Frage, wie Menschlichkeit, Wissenschaft und gesellschaftliches Engagement zusammenwirken können. Lieber Professor Sehouli, das Bundesverdienst kreuzt am Bande würdigt ausdrücklich ihr Wirken als Arzt, Wissenschaftler und gesellschaftlicher Akteur. Welche Dimension dieser Auszeichnung ist für Sie persönlich die bedeutendste?
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Also erstmal versuche ich gar nicht das zu kategorisieren interessanterweise, sondern bin erstmal total glücklich und es ist wirklich ein fast schon magischer Moment, der mich total erstmal glücklich macht, weil man wirkt ja in diesem Leben oder in dieser Gesellschaft ja nicht mit einem ganz bestimmten Ziel, sondern man versucht sein Bestes zu geben und dass das auch irgendwie gesehen wird. Und zwar wirklich stellvertretend als jemand, der sehr, sehr gerne mit Allianzen arbeitet, ist erstmal großartig. Und wofür ich den wirklich auch bekommen habe, weiß ich letztendlich auch gar nicht. Aber ich freue mich über diese wunderbare Geschichte.
Christian Bracht
Ihre wissenschaftliche Arbeit steht exemplarisch für den Wandel von einer Krankheit zentrierten hin zu einer Patienten zentrierten Onkologie. Was hat diesen Perspektivwechsel in Ihrer eigenen Laufbahn ausgelöst? Gab es da einen bestimmten Moment? Hat das irgendwann Klick gemacht? War das ein ein schleichender Prozess? War das ein ganz besonderer Moment mit einer besonderen Patientin? Was hat das ausgelöst bei Ihnen?
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Es war nett, dass Sie mir dabei helfen, mich zu erinnern. Aber ich glaube schon, dass das eine ganz besondere Situation war. Ich hatte als einer meiner ersten wissenschaftlichen Herausforderungen den Auftrag bekommen, die Ergebnisse bei ausgesprochen komplizierten Operationen beim Eierstockkrebs auszuwerten.
Man spricht von sogenannten retrospektiven Analysen. Man guckt einfach die Operationen, was ist daraus geworden und haben die Patienten überlebt. Und ich weiß noch ganz genau, dass ich als junger Arzt damals noch gar nicht promoviert, ohne Doktortitel, mir die Frage gestellt habe, was bedeutet Lebensqualität? Weil das ist mir aufgefallen, dass bei diesen wissenschaftlichen Publikationen immer das Thema Lebensqualität irgendwie zwar thematisiert, aber nicht richtig erklärt worden war. Und ich hatte mich dann schlau gemacht und hatte damals einen Artikel gelesen und habe geschaut, wer war der Autor. Und es war damals ein Herr Franz Porchold. Und der war in der Universität Ulm. Und da habe ich den einfach angerufen. Und in meiner Naivität, und ich glaube, das ein gewisses Maß an Naivität und auch Mut bedarf.
Dinge in die Tiefe verfolgen zu können und habe ihn gefragt, wie macht man das? Wie misst man das? Was heißt denn Lebensqualität? Und er angeboten hatte in seiner Freundlichkeit, nach Berlin zu kommen, das bei einem Vortrag mir zu erklären. Und so fing es an, dass ich mich damals sehr früh mit dem Thema Lebensqualität auseinandersetzt habe und sehr schnell gemerkt habe, dass ganz viel über Lebensqualität gesprochen wird, aber gar nicht die Patienten befragt werden.
So, jemand glaubt zu wissen, was gut für jemanden ist. Und dann habe ich mich auf den Weg gemacht, wissenschaftlich mehr Erfahrung zusammen, habe erste Studien durchgeführt und habe gemerkt, dass diese Medizin, die ja eigentlich für Patientinnen und Patienten gedacht ist, häufig gar nicht Patienten befragt, die gar nicht teilhaben. Und so habe ich damals begonnen mich damit zu beschäftigen. Damals gab es das Wort auch gar nicht, Patientenzentrierte Medizin. Das ist ein Begriff, den kenne ich erst seit wenigen Jahren. Und mir war aber klar, dass man eben die Menschen, die man unterstützen möchte, die man wieder in ihrer Gesundheit unterstützen möchte, erstmal auch einbinden und befragen muss. Und das war auch eine der Gründe, warum ich sehr früh mich für die Selbsthilfe damals für Krebserkrankungen engagiert habe als junger Arzt, damals in einen gemeinnützigen Verein eingetreten bin, näher bei den Patienten zu sein. Und habe damals ja auch vor knapp, glaube ich, jetzt über 20 Jahre auch die Stiftung Eierstockkrebs gegründet, weil ich gemerkt habe, man braucht eine andere Struktur und uns das fehlt im Gesundheitssystem.
So habe ich glaube ich begonnen. Ist immer gefährlich, wenn man in die Erinnerung geht. ich glaube, dass das einer der ersten Schlüsselmomente für mich war. Und das war auch einer meiner ersten Publikationen, dass ich publiziert habe über das Thema Lebensqualität bei Frauen mit Eierstuckkrebs.
Christian Bracht
Das ist ein guter Punkt. Sie haben über 1000 Publikationen und mit zahlreichen internistischen Stellen über die gynäkologische Onkologie nachhaltig geprägt. Wo sehen Sie heute die größten offenen Fragen in der Krebsforschung, jenseits reiner Therapieoptimierung?
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Also einmal das, was Sie gerade angedeutet haben, viel zu wenig aus der Patientenperspektive so nutzen. Also zum Beispiel das Thema Time Toxicity. Wie viel Zeit muss ich als Mensch investieren, Zeit zu gewinnen für mein Leben? Und wie unterscheide ich Zeit, die tatsächlich für mich übrigbleibt, meine Lebensaktivitäten, die Versorgung meiner Familie oder meiner Partner oder meinen Beruf oder meinen Sport oder mein Hobby? Zu verfolgen und welche Lebenskompetenz wird mir durch eine medizinische Maßnahme, sei es eine diagnostische oder eine therapeutische Maßnahme genommen oder negativ beeinflusst. Das sind für mich so Themen, die total offen sind und was mir leider immer wieder auffällt und ich habe selber auch so, eben unerfahren erfahren, dass häufig Wissenschaft wiederholt wird. Dass man dieselbe Studie durchführt, ohne in den Dialog zu gehen, was muss ich tun, etwas zu verändern? Warum macht man denn Forschung? Forschung macht man, medizinische Prozesse besser zu machen. Und wenn ich zum Beispiel immer wieder frage, wie wichtig ist Sexualität? Und immer wieder die Antwort bekomme, es wird nicht darüber gesprochen und ich aber jedes Mal das wiederhole, dann stelle ich mir die Frage, ist das wirklich Wissenschaft und für was mache ich das oder muss nicht Wissenschaft auch Dinge verändern müssen oder müssen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht einfach auch ein Thema abschließen und sagen es ist sinnlos beispielsweise Antibiotika über viele Tage als Vorbeugung zu nehmen. Das ist bekannt. Und ich glaube, manchmal wir auch Wissenschaft pragmatisch machen müssen. Muss ich denn wirklich beweisen, dass es gut ist, ein Baby nackt auf seine Haut zu legen, wenn es geboren wird? Ist es wirklich notwendig, alles zu beweisen? Und muss nicht auch Wissenschaft pragmatischer gedacht werden, Gesundheit zu stärken. Das sind so Themen, die mich jetzt nach fast 30 Jahren Wissenschaft mehr beschäftigen. Und ich habe leider immer wieder die Erfahrung, dass Dinge wiederholt werden oder die Dinge in der Wissenschaft durchgeführt werden, obwohl es klar ist, die Erkenntnis nach dieser wissenschaftlichen Aktivität nicht eindeutig besser ist.
Und das halte ich für eine Verschwendung von Ressourcen. Und zwar nicht nur von den Interviewten oder den sogenannten Probanden, sondern auch vom medizinischen System, weil irgendjemand muss ja Zeit und Geld investieren.
Christian Bracht
Versteht man sehr gut, viel Fokus auf Lebensqualität, auf Langzeitüberleben, auf Versorgungsforschung. Warum sind diese Aspekte im medizinischen Diskurs, weiterhin so unterschätzt? Was glauben Sie, was ist der Grund dafür?
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Das hat natürlich etwas damit zu tun, dass eben Versorgungsforschung viel schlechter finanziert und auch in der Medienwelt wahrgenommen werden. Etwas ganz Neues zum ersten Mal erfunden, entdeckt, klingt immer viel reicher und kriegt meistens auch eine andere Unterstützung, gerade wenn es Medikamentenentwicklung geht.
Als wenn man sagt, ich habe jetzt so und so viele Patientinnen untersucht und das ist gar nicht so toll. Das heißt, das Thema Real World, also wahre Welt, Wissenschaft, das ist auch ein Thema, was erst in den letzten vielleicht zehn Jahren eine neue Bedeutung bekommen hat, die sogenannte Versorgungsforschung, weil gerade die Versorgungsforschung uns zeigt, ob ein Medikament, eine Operation tatsächlich für die Allgemeinheit verfügbar, sicher durchführbar und wirklich von Nutzen ist, weil klinische Studien, so sehr ich sie liebe, natürlich sehr strenge sogenannte Ein- und Ausschlusskriterien hat. Das heißt, wenn jemand zwei Krebserkrankungen hat oder einen schlecht eingestellten Diabetes, also eine Zuckerkrankheit, dann darf
diese Person teilweise gar nicht an dieser Studie teilnehmen. Aber das ist ja die Realität, dass jemand ein, zwei oder drei Krankheiten hat. Und deswegen sind diese Studien der sogenannten Versorgungsforschung von extremer Bedeutung, weil man dort häufig auch Nebenwirkungen auch sieht, die man in kleinen Studien bei einem, sag ich mal, sehr, sehr ausgewählten Patientenkollektiv, die ja in der Regel sehr gesund sein müssen.
Die müssen eine tolle Nierenfunktion haben, müssen eine tolle Herzfunktion haben, gar nicht erkennbar und auffindbar sind. Deswegen sind diese Informationen so relevant. Und deswegen begrüße ich, dass das mehr und mehr Aktionen initiiert werden, also ausgelöst werden, Versorgungsforschung durchzuführen und durch diese ganze neue Entwicklung der digitalen Technik, Artificial Intelligence.
Für künstliche Intelligenz sind natürlich genau diese Datenbanken extrem wichtig. Bei Google und so weiter machen ja jeden Tag Versorgungsforschung, indem die schauen, was der Kunde macht, wo hingelaufen ist, wie lange er eine Seite angeschaut hat, was er sich noch angeguckt hat, was die Partnerin macht. Das ist ja Versorgungsforschung auf einem ganz anderen Niveau und wir können das in der Medizin machen.
Und man kann davon lernen, weil diese Erfahrungen viel größer sind als ausgewählte kleine Patientengruppen. Und da sind wir dabei, eben das zu verstehen, dass das von großem Wert ist, große Datenmengen von Patienten zu nutzen, Ströme, Verläufe, Querverweise zu sehen. Und da hoffe ich, dass wir da einen viel größeren Erkenntnisgewinn kriegen werden als wir es heute bisher in dem alten Modell noch tun.
Christian Bracht
Als einer der Wegbereiter strukturierter ärztlicher Kommunikation und partizipativer Therapieentscheidungen. Wie verändert sich eigentlich die Rolle des Arztes, wenn Patienten konsequent, als Partner verstanden werden? Das ist ja eine ganz andere Rolle, wie Ärzte in der Vergangenheit gesehen haben.
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Absolut. Absolut, weil historisch gesehen ist ja auch das Medizinsystem ein hierarchisches Thema, eine Pyramide. Oben ist die schlaue Ärztin, der schlaue Arzt und unten der Patient im Sinne des Wissens. Und natürlich gibt es ein Missverhältnis, weil wie soll es auch anders sein? Man hat studiert, man hat Erfahrung, man wertet das aus und trotzdem
Manchmal die Patientenperspektive oder auch die Erfahrung eines Menschen, der eine Diagnose Krebs hatte. Oder welche Lösungsstrategien sowohl im mentalen, psychischen Bereich als auch im körperlichen Bereich. Weil der Arzt ist an sich gut studiert, Dinge zu verstehen, die krank machen. Aber er weiß relativ wenig, was gesund macht. Und deswegen ist das glaube ich erst mal so ein Perspektivwechsel und eine Patientin als Co-Scientist, als Co-Wissenschaftlerin oder jemanden, der Erfahrung hat einzubinden, kann ich nur sagen, ist eine große Bereicherung. Und deswegen ist das eigentlich grundsätzlich wichtig, aber auch diese Strukturen müssen professionalisiert sein, weil eine
Therapieentscheidungen oder Leitlinien mitzuentwickeln, bedarf Zeit und Kompetenz. Das heißt, auch Patienten müssen empowered werden und auch trainiert werden, Systeme zu verstehen, die Logik des Gesundheitssystems zu verstehen, aber auch die Logik der Wissenschaft zu verstehen. Und ich finde das großartig. Und es scheint am Anfang eher so ein
Machtverlust zu sein, kann nur sagen, ist ein Machtgewinn. Weil es geht das Produkt und das Produkt ist in der Interaktion zwischen Patientinnen und Ärzten und Wissenschaftlern und auch den anderen Berufsprofessionen viel, wertvoller. Und es ist auch logisch, wenn ich ein Buch schreibe als Autor, ohne die Lektoren, den Verlag, die Leserin, meine Partner einzubinden, dann wird es kein gutes Buch. Auch Thomas Mann hat das nicht alleine geschrieben. Und genauso ist das in der Wissenschaft und auch in der Medizin. Und die Patientinnen Kommunikation kann doch nicht funktionieren, wenn der Patient, die Patientin nicht das Gefühl hat, mitgestalten zu können. Natürlich hat der Arzt einen Empfehlungsgrad, aber am Ende des Tages haben wir Tausende von Entscheidungen die wir als Kompromiss, als Konsensus, als gemeinsame Entscheidung tragen müssen. Und zwar sowohl in der Wirkung als auch in Nebenwirkung. Und deswegen immer dann, sage ich, wenn der Arzt nicht die hundertprozentige Wahrheit kennt, und das sind der Großteil der medizinischen Prozesse, dann gehört es sich doch einfach aus der Fairness heraus.
Dazu, dass ich sage, ich weiß nicht, was am besten ist, aber ich glaube, das und das ist gut für Sie. Aber das und das sind die Alternativen. Und was denken Sie, könnte die beste Therapiestrategie gemeinsam sein? Darum geht es. Und das ist Partizipation. Aber Partizipation bedeutet auch immer, sich etwas zurücknehmen, ehrlich sein, das Therapie-C definieren und die Alternative kennen, Raum lassen, dann gemeinsam eine Allianz zu finden. Das ist eine Therapieentscheidung, ein Allianzprodukt.
Christian Bracht
Ihre Auszeichnung würdigt auch Ihr Engagement als Brückenbauer zwischen Deutschland und Marokko. Ihre Eltern sind glaube ich in Marokko geboren. Sie haben beide Staatsangehörigkeiten. Was kann internationale Medizin von solchen transnationalen Kooperationen lernen? in Zeiten globaler Krisen. Wir haben ja eigentlich überall Krise.
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Absolut. Und das ist ja auch das, was wir auch gemeinsam versuchen zu verstehen in Kot. Auf der Suche nach dem Kot des Lebens. Und ich mach’s mal ganz leicht. Also wenn ich Medizin ausübe, ist es nie ein Faktor. Es ist immer ein ganzheitliches Konzept. Und gerade wenn es Kommunikation geht, aber es geht auch die Therapiestandards.
Dann kann es doch nur funktionieren, wenn ich global denke, in eine Metaebene gehe. Und selbst wenn ich über Regionen diskutiere, die andere Ressourcen haben, man nennt ja das Regionen mit limitierten Ressourcen, dann brauche ich doch gar nicht erst nach Afrika schauen. Auch in Deutschland gibt es Regionen, die nicht optimal versorgt sind. Und wie kann ich denn über Lebensqualität reden ohne über kulturelle Identitäten und über Präferenzen, die teilweise natürlich über die Erfahrung mit den Eltern, der Familie und mit dem Gesundheitssystem Einklang finden. Und deswegen ist das für mich gar nicht ein Zweifel oder eine Frage der Entscheidung, sondern ich bin Kind marokkanischer Eltern die als Analphabeten nach Deutschland gekommen sind. Und deswegen ist für mich ganz wichtig, dass ich natürlich schaue, dass die Berliner Bevölkerung eine optimale Versorgung bekommen, dass ich natürlich schaue, dass die Versorgung in Deutschland optimal ist. Natürlich wir in Europa auch große Disbalancen haben und deswegen ich möchte sehr auf europäischer Ebene einsetzen, aber auch global denke und natürlich auch Marokko im Fokus habe, weil ich mich verantwortlich fühle, den Weltstandard zu verändern, auf verschiedenen Ebenen. Und deswegen freue ich mich sehr, dass ich sowohl gesellschaftspolitisch als auch medizinisch global unterwegs bin. Und ich kann auch verraten, ich hatte ja damals 2016 den Orden vom König von Marokko, Mohamed VI., eben erhalten im Norden Marokkos. Und da hatte ich kein einziges Projekt mit Marokko. Das darf ich ruhig verraten. Aber Projekte mit Moldawien, mit China, mit verschiedenen afrikanischen Staaten, mit vielen europäischen Staaten. Am Ende des Tages geht es eine globale Verantwortung, und zwar nicht nur am Klima, sondern auch in der kulturellen und medizinischen Versorgung.
Christian Bracht
In ihrer klinischen und wissenschaftlichen Arbeit sind sie auch im besten Sinne kreativer Autor, sie haben mehrere Bücher geschrieben. Ich weiß, dass sie Kunst machen. Ich weiß, dass sie Schauspiel lieben. Man hat mir zugetragen, sie haben schon mal, ich glaube, den Rudolf Virchow gemimt auf einer großen onkologischen Konferenz. Sie sind Gastgeber bei uns hier beim Krebspodcast, aber sie haben auch einen eigenen Podcast, weiß-bunt. Was kann das Erzählen, das kulturelle Gespräch leisten, was klassische Wissenschaftskommunikation oft nicht erreicht? Oder anders gesagt, warum machen sie das?
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Vielen Dank auch für diese Frage. Ich habe viel zu wenig in meinem Leben bisher dieses Warum mir gestellt. Vielleicht ist das auch gut so, weil wenn man zu viele Dinge hinterfragt, dann ist das vielleicht auch eine Barriere. Also ich will Menschen erreichen und wie ist das mir eigentlich egal? Und ich will viele Menschen erreichen.
Weil Medizin muss die Menschen berühren. Und zwar nicht nur in elitären Journals, Fachzeitschriften, da publiziere ich mit ganz hohen sogenannten Impact-Faktoren, Zitier-Faktoren. Aber ich will auch, dass der Mensch eben sieht, dass Medizin nicht nur technologisch verändert ist, dass Medizin nicht nur kategorisiert, klassifiziert und stereotypisiert. Und dass Medizin mehr ist, als nur eine Krankheit zu bekämpfen und dass Medizin auch die Kraft in sich trägt, Menschen auf die Werte wiederzubringen, die wir in unserer Gesellschaft immer mehr in Gefahr sehen. Und dass Medizin ein wunderbares Instrument ist, die Gesellschaft insgesamt zu verändern. Und ich begegne gerne Menschen.
So wie Sie das auch schätzen. Und ich glaube, das war einer der Gründe, warum ich auch diesen Podcast platziert habe, weil ich einfach gerne interessante Menschen kennenlerne. Und jeder weiß, der bei mir auch als Patientin oder als Angehöriger in meinem Büro ist, dass mich immer das Leben interessiert. Die Krankheit natürlich. Und ich versuche sie zu dekodieren. Die Krebserkrankung zu verstehen, therapeutische Konzepte zu entwickeln. Aber mich interessiert der Mensch dahinter. Und deswegen ist das für mich keine Schwäche, solche Kanäle zu nutzen, auch Instagram. Es geht immer darum, dass die Botschaft dieselbe ist und dass die Botschaft aber die Menschen erreichen muss und ich als Arzt und als Wissenschaftler mich daran messen sollte, was bei den Menschen ankommt und nicht, was ich alles produziert habe, weil der Zugang trotz Internet zu Wissen ist immer noch massiv blockiert. Und auch wir in den Zeitschriften und in den Studien erklären die Studien viel zu kompliziert, dass ein schon nicht Krebsspezialist zum Beispiel kaum das versteht.
Und deswegen ist es mir so wichtig und da bin ich auch dankbar, dass ich auch als Schriftsteller aktiv sein darf, oder dass man meine Ärzte kompetent infrage stellt, dass ich die Leserinnen und Leser auch meiner Texte, meiner Arztbriefe im Auge habe. Und deswegen darf auch mal ein freundliches Wort, eine Freude, eine Emotion in einem Arztbrief sein. Es ist kein Polizeiprotokoll, ohne jetzt den Polizisten zu nahe zu kommen. Das ist ein Schriftstück, was gelesen werden soll und auch Orientierung geben sollte.
Christian Bracht
Ich kann es jedem unserer Hörer empfehlen, schauen sie auf allen Podcastplotformen nach WeissBund. Es gibt über 60 Folgen, sind interessante Gespräche.
Für mich gibt es nichts schöneres als ein spannendes Gespräch mit einer interessanten Persönlichkeit. Man lebt dadurch so viel, das ist wirklich beachtlich und das macht das Leben wirklich reich an Erlebnissen. Kommen wir zur letzten Frage. Wenn Sie so auf Ihr berufliches Leben zurückblicken, das sind ja schon ein paar Jahre jetzt auch, gibt es eine Haltung oder Überzeugung, die sich wie ein roter Pfad durch all Ihr Tun zieht und die auch diese Auszeichnung letztendlich erklärt vielleicht?
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Also erstmal will ich gar nicht zurückstauen, weil ich bin noch mitten drin und möchte auch so lange wie möglich noch drin bleiben, drin bleiben und zwar nicht im Sinne des Schutzes, sondern in der Möglichkeit zu gestalten. Also ich gestalten und ich will schlechte Dinge eben reduzieren, es in der Medizin gibt und möchte gute Dinge stärken und weiterentwickeln. Das ist so die Triebfeder. Und ich glaube, das hat was auch mit meinen Eltern zu tun, die eben zum Beispiel auch wollten, dass die Kinder es besser haben, als sie selbst, als sie politisch verfolgt waren oder auch natürlich übers Überleben Angst hatten, den Tag oder den nächsten Tag zu überstehen.
Ich glaube, das war die Grundidee. Und was ich nur sagen kann, am Ende des Tages ist es tatsächlich diese Bewegung mit Menschen. Das macht den Unterschied. Ich war erst vor kurzem in einer Lesung hier im Aaltal, wo diese Flutopfer. Und da hatte ich eine Lesung mit Schwester Theresa, auch unter anderem zu unserem Kochbuch. Und am Ende der Veranstaltung kam eine Frau zu mir und ein Herr, die sich bedankt haben. Das war eine Patientin, die ich vor zehn Jahren operiert hatte. Und der Ehemann hat sich bei mir bedankt und hat gesagt, wissen Sie was, Sie haben mich nach der Operation angerufen und haben gesagt, die OP ist gut überstanden. Und ich kann Ihnen nur sagen, da war ich total gerührt, weil erstmal erwarte ich das nicht. Auf der anderen Seite fand ich das so wunderbar. Man geht ins Alltal, man kennt das Ganze mit dem Trauer, mit den ganzen Tragenden, die da passiert sind. Es stellt sich selbst die Frage, was macht man da überhaupt? Was kann man überhaupt sagen? Und dann trifft man diesen Menschen und diese Menschen kommen ganz bewusst dorthin.
Trotz aller anderen Probleme bedanken sich für eine Sache, die vor zehn Jahren war. Und dafür sage ich, hat sich das gelohnt, Medizin zu studieren. Dafür hat sich das gelohnt, erstmal die Krankenpflege zu beginnen, in der Medizin zu sein. Und Ende des Tages ist es die Liebe zu den Menschen. Und es ist nicht der Numerus Clausus, es ist nicht das analytische Denken, es ist die Liebe zum Menschen.
Christian Bracht
Jetzt haben wir herausgefunden, warum Sie das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen. Sie sind im wahrsten Sinne ein Menschenfreund und versuchen immer das Beste für den einzelnen Menschen und ihren Patienten zu erzielen. Vielen Dank, ein wunderbares Gespräch. Genießen Sie die Übergabe des Bundesverdienstkreuzes. Ich weiß, ich habe selber sowas noch nicht bekommen. Ich weiß gar nicht, wie das vonstatten geht. Ich habe nur Fotos von solchen Sachen gesehen, aber nehmen Sie diesen Moment mit, ist auch ein wunderbarer Moment.
Vielen Dank für das Gespräch.
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli
Vielen Dank, Herr Bracht, und danke auch mal allen, die mich unterstützen und auch weiter unterstützen, Dinge zu hinterfragen und uns immer wieder auch zu erden. Und dafür danke ich, dass Sie mich heute auch hier eingeladen haben. Vielen, Dank.
