Tumorkonferenz – mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli

In der 34. Folge des Krebs-Podcasts steht ein zentrales Instrument der modernen Krebsmedizin im Mittelpunkt, das für Patienten oft im Verborgenen bleibt: die Tumorkonferenz. Dazu begrüßt Christian Bracht Herrn Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli von der Charité Berlin, um Licht in den Ablauf und die Bedeutung dieses interdisziplinären Austauschs zu bringen.

Was passiert eigentlich, wenn sich Krebsspezialisten verschiedener Fachrichtungen – vom Onkologen über den Radiologen bis hin zum Pathologen – hinter verschlossenen Türen beraten? Prof. Sehouli erklärt anschaulich, wie individuelle Therapieentscheidungen auf Basis neuester wissenschaftlicher Standards und Leitlinien getroffen werden. Dabei wird deutlich: Eine Tumorkonferenz ist kein starres Gremium, sondern eine wichtige Diskussionsplattform, um für jeden Patienten die bestmögliche Strategie zu finden – sei es durch Standardtherapien, klinische Studien oder innovative Ansätze der Präzisionsonkologie.

Besonders spannend ist der Blick in die Zukunft: Prof. Sehouli schildert, warum die Stimme der Patienten in diesen Konferenzen noch stärker gehört werden muss und wie digitale Unterstützung oder spezielle Patientenvertreter die Qualität der Entscheidungen weiter verbessern können. Zudem gibt er wertvolle Ratschläge für das anschließende Arztgespräch: Warum ist die Frage nach dem „Warum“ so entscheidend? Und wann ist es sinnvoll, eine Zweitmeinung in einem spezialisierten Zentrum einzuholen?

Diese Folge nimmt die Unsicherheit vor dem „unbekannten Gremium“ und zeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit von Experten für den Behandlungserfolg ist. Sie macht Mut, aktiv nachzufragen und die eigenen Ziele und Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Therapieplanung zu stellen.

Podcasthost und Sprecher: Christian Bracht (CEO & Herausgeber) im Gespräch mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Sehouli (Direktor der Klinik für Gynäkologie mit Zentrum für onkologische Chirurgie (CVK) und Klinik für Gynäkologie (CBF), Charité Berlin)

Mehr Infos und weitere Folgen unter: Der Krebs Podcast

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Der Krebs-Podcast Folge 34 – Tumorkonferenz – mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli

Christian Bracht: Willkommen zum Krebs-Podcast. In dieser Folge spreche ich mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli von der Charité Berlin über die Tumorkonferenz, ein zentrales Instrument moderner Krebsmedizin. Wir klären, wie Ärzte-Teams dort gemeinsam Therapieentscheidungen treffen, warum dieser interdisziplinäre Austausch so wichtig ist und was das Ganze konkret für Patienten bedeutet.

Lieber Prof. Sehouli, was genau ist eine Tumorkonferenz und wie kann man sich den Ablauf dort ganz konkret vorstellen?

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Ja, eine Tumorkonferenz ist eine Besprechung. Es ist kein Gerichtsverfahren und kein endgültiges Gremium, aber einer der sogenannten Qualitätsmerkmale von Krebszentren. Eine Tumorkonferenz ist so eine Besprechung, die in der Regel interdisziplinär ist, das heißt verschiedene Fachrichtungen, je nach Fragestellung.

Also in der gynäkologischen Tumorkonferenz ist zum Beispiel immer ein sogenannter zertifizierter oder geprüfter gynäkologischer Onkologe, der also eine Besonderausbildung hat, neben seiner Grundausbildung. Dann ist ein Onkologen oder ein Onkologe dabei, also ein Krebsspezialist. Dann ein Radiologe, also ein Röntgenarzt, um eben zum Beispiel die Röntgenbefunde, die Krompiertomographie, das sogenannte CT oder die Magnetresonanztomographie, das MRT, vorzustellen.

Und dann sind in der Regel Assistentinnen und Assistenten dort, die die Patienten kennen. Und in einigen Tumorkonferenzen sind noch andere Disziplinen hinzugenommen, wenn es um ganz spezielle Fragestellungen geht. Was passiert bei so einer Tumorkonferenz? Da wird also eine Krankheitssituation bei Krebs vorgestellt von einem Arzt oder einer Ärztin.

Und dort wird dann zum Beispiel die Gewebeanalyse. Der Pathologe, den hatte ich ganz vergessen, der ist auch ganz Grundvoraussetzung dabei. Das heißt, der zeigt zum Beispiel dann die Gewebeanalyse und sagt, das ist ein Krebs von der und der Gewebetypisierung, also zum Beispiel die Befunde der Mikroskopie, aber auch der sogenannten molekularen Codes oder Signaturen.

Und dann wird beispielsweise eben das Operationsergebnis erzählt oder das Ergebnis der Röntgenbefunde, um dann eine neue Therapieentscheidung zu treffen. Das ist eine Tumorkonferenz.

Christian Bracht: Das verstehe ich. Also das ist keine Konferenz, wie man das so denkt in Hotels, von denen es häufig solche Konferenzen gibt, sondern es geht wirklich ganz konkret um meinen Fall. Aber wie kommt mein persönlicher Fall überhaupt in eine Tumorkonferenz? Entscheide ich das selber? Muss ich zustimmen? Machen Sie das einfach und nennen dabei nicht meinen Namen? Wie ist die Vorgehensweise dabei?

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Ja, finde ich großartig, weil das ist wirklich für viele natürlich unverständlich. Und deswegen bin ich da auch sehr dankbar, dass wir heute beim Krebspodcast darüber sprechen, weil ich mich immer wieder wundere, wie viel auch Unsicherheit und Angst das auslöst, weil man es ja eben nicht versteht.

Also, in der Regel ist das so, dass eine Patientin beispielsweise hier in meiner Klinik operiert wird. Und dann braucht man ja eine Therapieentscheidung. Bedeutet, brauche ich eine Strahlentherapie oder eine Chemotherapie oder eine Immuntherapie danach? Und in der Regel ist das so, dass, wenn die Gewebeanalyse abgeschlossen ist, das kann sieben Tage, das kann schon mal zehn Tage oder zwölf Tage dauern, oder ich habe eine Patientin, wo ich den Verdacht habe, der Krebs ist wieder da, dann würde ich ja erst mal die Diagnostik machen, das CT, die Chromitomographie und würde dann eben diese Patientin in ein Computersystem eingeben und anmelden.

Anmelden in dieser Besprechungsgruppe. Und sagen, am nächsten Dienstag beispielsweise, bei uns geht die von 14 Uhr bis 17 Uhr, wird diese Situation bei der Patientin vorgestellt. Und dann gibt es in der Regel den Arzt oder die Ärztin, die die Patientin kennt oder den Patienten kennt, in diese Datenmaske ein.

Und dann fängt das eben so an, dass eben eine Liste entsteht von 20, 30 Frauen oder Männer, die dann besprochen werden. Und dann geht man einfach entweder alphabetisch oder nach Themen kann man das abarbeiten. Zum Beispiel, dass man erst mal alle, wo es eine Gewebeanalyse gibt, erst mal anfängt.

Oder man sagt alle, wo ich den Strahlentherapeuten brauche, ob eine Bestrahlung notwendig ist. Weil nicht alle immer zu jedem Patienten was sagen müssen. Wenn es keine Operation gab, dann braucht auch der Operateur jetzt nicht gefragt werden, es sei denn, es geht um eine neue Operation.

So, das heißt, der Patientin wird mit dem Namen aufgerufen und dann wird gefragt, ist denn die Gewebeanalyse fertig? Und dann sagt er, ja, die Gewebe ist, das ist bei der 46-jährigen Patientin, die hat die und die Nebenerkrankungen und das Operationsergebnis war ein Stück Darm entfernt, Eierstöcke entfernt und die Gewebeanalyse. Und dann sagt der Pathologe, ja, es handelt sich zum Beispiel um ein High Grade Eierstockkrebs, Stadium 3 oder 4 oder weiß nicht was. So, und dann wird eine Pause gemacht und dann wird gesagt, okay, was ist die Therapie?

Da gibt es Standards, die man aus den Leitlinien kennt. Und was wir machen, wir gucken, gibt es denn für die Patientin eine Studie? Gibt es denn für die Patientin eine zusätzliche Möglichkeit? Und dann wird eben geschaut, ob die Patientin eben in eine Studie passt. Da gibt es sogenannte Ein- und Ausschlusskriterien. Da wird niemand eingeschlossen, aber eingeschlossen, eingebunden in die Studie.

Das bedeutet, ist das Alter richtig, funktionieren die Niere, ist die Gewebeanalyse die richtige und so weiter. So, und dann wird einer Regel dieses Ergebnis der Patientinnen übermittelt. Und mit der Patientin oder dem Patienten besprochen, das ist die Empfehlung. Und das würden wir Ihnen gerne anbieten.

Christian Bracht: Verstehe ich. Also eine Menge von Informationen über mich und meinen Tumor. Was uns in Deutschland immer sehr wichtig ist, der Datenschutz. Ist der gewährleistet dabei?

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Absolut, der ist auf jeden Fall gewährleistet. Das ist eine interne und wir nutzen auch nur Computersysteme, die in der Charité jetzt hier geschlossen sind und die Daten sind absolut sicher.

Auch die Röntgenbilder, die Gewebeanalysen. Wir haben aber auch Tumorkonferenzen nach außen. Und da wird das in der Regel pseudo-anonymisiert. Da wird kein Name genannt, da werden auch keine Bilder gezeigt, sondern da wird eben nur die Situation thematisiert.

Christian Bracht: Dann kommen wir mal zur Entscheidungsfindung. Wie ich das verstanden habe, diskutieren Sie da ja gemeinsam, man stimmt sich ab. Aber was passiert eigentlich, wenn Meinungen auseinander gehen? Sie haben ja nicht immer die gleichen Analysen bzw. Schlussfolgerungen, die da passieren. Haben Sie die stärkste Stimme als Chefarzt oder wie muss ich mir das vorstellen?

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Auch eine wunderbare Frage. Das ist das, was mich auch bewegt. Eine Tumorkonferenz ist also, wie gesagt, eine Besprechung. Und das ist auch nochmal ganz wichtig, das ist nur eine Empfehlung, die natürlich nicht alle Informationen einer Patientin oder eines Patienten haben kann.

Und es ist gar nicht so selten, dass bei Tumorkonferenzen auch eine Patientin oder ein Patient vorgestellt wird von einer Person, die gar nicht so gut diese Patientin oder den Patienten kennt. Das heißt, das Folgegespräch ist in der Regel sogar noch wichtiger oder Teil dieser Tumorkonferenz ist immer auch das Gespräch mit der Patientin, weil man muss ja auch erstmal schauen, ob es wirklich passt und ob die Patientin das überhaupt will. Und das ist das, was Sie gerade andeuten.

Also es gibt ja die Situationen, die relativ klar sind. Ja, da gibt es Erstdiagnose, eine Erkrankung, ein bestimmtes Tumorstadium, da ist klar, was der Goldstandard ist und das sollte auch immer die Grundlage sein. Eine Empfehlung soll immer die höchste Wissenschaft und eben die Leitlinien sein, die auch manchmal zwar veraltert sind, aber grundsätzlich soll die Leitlinie und der neueste Stand der Wissenschaft die Grundlage sein.

So, dann gibt es aber Situationen, wo die Leitlinien eben verlassen. Und zwar, weil die Patienten zum Beispiel 3, 4, 5, ich habe Patienten, die haben 111 verschiedene Krebsbehandlungen hinter sich. So, da gibt es natürlich keinen richtigen Goldstandard.

So, und dann ist es so, dass man dann eben guckt, okay, was könnte denn noch die Möglichkeit sein. Was schön ist heutzutage, dass wir zum Beispiel die Möglichkeit haben, der sogenannten Präzisionsonkologie. Das ist ein neues Gesetz und eine neue Vereinbarung, dass man in bestimmten spezialisierten Krebszentren, so wie es die Charité ist, aber auch viele andere große Zentren, dass wir die Möglichkeit haben, zum Beispiel die Krebs-DNA, also die Erbinformation aufzuschlüsseln und zu gucken, ob da irgendein Fehler oder eine sogenannte Mutation ist oder ein bestimmter Marker, der vielleicht eine Grundlage ist, für eine andere zielgerichtete Krebstherapie, die vielleicht zum Beispiel beim Brustkrebs, beim Darmkrebs oder beim Leberkrebs sinnvoll ist, aber noch nicht zum Beispiel beim Eierstockkrebs.

Das heißt, wenn ich Situationen habe, wo ich keinen Standard habe, dann machen wir das so, dass wir großzügig die Präzisionsonkologie fragen, die auch eine eigene Konferenz haben, die dann auch den Krebs eben entschlüsseln versuchen, um dann auf Basis dieser Entschlüsselung eine Empfehlung zu geben, die dann wieder in unsere Konferenz geht, also eine Absprachekonferenz zu Konferenz, und dann wieder zur Patientin geht. Das ist der eine Weg.

Der zweite Weg ist, es ist wirklich unklar, und dann empfehle ich das so, dann haben wir in der Frauenklinik Charité noch eine dritte Tumorkonferenz, eine sogenannte Online-Tumorkonferenz, weil das sind Situationen, die sehr kompliziert sind, wo es wirklich keinen Standard gibt.

Und das mache ich alle 14 Tage. Und da bereiten wir uns nicht eben fünf oder zehn Minuten auf eine Patientin vor, sondern mehrere Stunden, um dann zum Beispiel die neuesten wissenschaftlichen Daten von Kongressen, von neuesten Veröffentlichungen zu suchen, weil die Leitlinien natürlich nur jährlich oder zweijährlich oder dreijährlich aktualisiert werden. Und dann gehen wir nochmal in die Diskussion, und das ist aber wirklich eine einzigartige Tumorkonferenz, weil wir dann erstmal die Frage uns stellen, dann gucken wir, was sagt die Leitlinie in Deutschland, in den USA, in sonst wo, und dann wir aber in die wissenschaftlichen Suchen gehen und sagen, okay, da gibt es die und die Möglichkeiten oder die und die ersten Hinweise, dass die und die Therapie auch funktionieren können, um zum Beispiel natürlich nochmal tiefer in die Studienverfügbarkeit und zwar weltweit zu suchen, weil wir haben durchaus Patienten, die wir dann nach Brüssel schicken, wenn da die Studie offen ist und nicht in Berlin.

Und dass wir die Möglichkeit haben, ein sogenanntes Off-Label-Use-Verfahren zu eröffnen. Off- Label-Use bedeutet in Deutschland nach dem Sozialgesetzbuch die Möglichkeit einer Behandlung, die nicht Standard ist und wo es noch keine offizielle Zulassung gibt. Das bedeutet, dass ich einen Antrag stelle bei der Krankenkasse, das muss die Patientin machen, mit Unterstützung unserer Empfehlung aus diesen Konferenzen, dass wir einen Heilversuch oder Behandlungsversuch mit einem Medikament, was eben zum Beispiel für Leberkrebs oder Lungenkrebs verfügbar ist, beantrage.

Und das ist auch nochmal so eine Kette. Und das Verrückte ist, lieber Herr Bracht, dass diese ganzen Besprechungen, die brauchen Zeit, die brauchen natürlich auch viel Moderation und Kommunikation. Das ist leider keine Kassenleistung und gar keine Struktur, aber für uns gar keine Frage, dass das der Grundpfeiler einer guten Behandlung ist.

Und deswegen ist es mir auch so wichtig, dass man eben, wie Sie sagen, nicht nach Hierarchie entscheidet, weil es ist nicht so, dass der Chef oder die Chefin immer die beste Empfehlung hat, sondern was mir ganz wichtig in Tumorkonferenzen, gerade dann, wenn die Wissenschaft ganz klar sagt, es gibt nicht nur einen Weg, dass man den in den Tumorkonferenzen auch aufzählt. Und ich sehe, und das ist auch eine Kritik an den Tumorkonferenzen, häufig, dass Tumorkonferenzen, obwohl die Datenlage nicht klar ist, nur eine Empfehlung formuliert. Und das ist nicht fair.

Das heißt, selbst wenn Professor Scioli sagt, die Therapie, und jemand anders sagt, die Therapie ist auch eine Option, und vor allem, wenn es ums Überleben geht, wenn es um die Lebensqualität geht oder das sogenannte rezidivfreies Überleben, dann sehe ich mich als Pflicht, dass man der Patientin eine Option A und B und C anbietet und dann auch sagt, warum ich etwas präferiere oder vorziehe. Aber am Ende des Tages wäre das meiner Meinung nach nicht fair, der Patientin nur eine Empfehlung anzubieten, wenn es doch mehr als eine Option gibt. Und deswegen ist eine Tumorkonferenz deswegen so wertvoll, weil ich habe früher auch die Empfehlung aus der Hüfte geschossen.

Aber wenn man sich Zeit nimmt, wenn man auch ehrlich ist mit dem Therapieziel, dann wird es immer mehr als nur eine Möglichkeit geben. Und das ist so wichtig auch immer zu betonen. Aber Sie haben recht, dass es immer eine Gefahr gibt, dass Hierarchie oder eine Dominanz einer Disziplin die Therapieempfehlung mit beeinflusst, weil die Therapieempfehlung sollte immer auf Wissenschaft, auf Leithinie und vor allem sollte es auch die Patientenperspektive berücksichtigen, was leider in den Tumorkonferenzen, in dieser ersten Besprechung viel zu kurz kommt, weil die Patientin leider nicht dabei ist und auch kein Strukturkonzept existiert, die Stimme der Patientin bisher in die Tumorkonferenz hineinzubringen.

Das ist aber ein Konzept, womit ich mich jetzt wissenschaftlich, aber auch klinisch in den nächsten Jahren sehr beschäftige. Wie kriegen wir die Patientenstimme in die Tumorkonferenzen? Also eine Idee könnte sein, dass Patienten vorher interviewt wird, entweder über eine Person, aber es könnte auch ein Interview digital unterstützt sein mit Künstlerintelligenz, dass man einfach so ein Interview macht und sagt, wer sind Sie, wie leben Sie, was ist Ihr Beruf, was sind Ihre Verpflichtungen, welche Nebenwirkungen würden Sie ganz besonders belasten, welche nicht. Das wäre eine Möglichkeit.

Und die zweite Möglichkeit wäre, das alleine oder zu ergänzen mit einer Person in der Tumorkonferenz, die letztendlich, so schwer das ist, die Patientinnen- und Patientenperspektive immer hoch hält, ohne zu glauben, dass alle Patienten und alle Ärzte und alle Therapeuten gleich

sind. Aber das ist ein Konzept, wo ich schon Erfahrung habe aus internationalen Konferenzen, was durchaus die Qualität einer Tumorkonferenz verbessert. Nur die Person, die in der Tumorkonferenz ist, muss natürlich auch gelernt und trainiert werden, was so eine Konferenz ist, wie die Prozesse funktionieren und wie man das auch argumentiert und so weiter.

Das ist so ein großes Thema. Und das, was wir heute auch mit dem Krebs-Podcast gerade versuchen, was auch nochmal wichtig ist, es gibt bei einer Tumorkonferenz auch ein Protokoll. Und ich weiß nicht, ob Sie viele medizinische Protokolle kennen, lieber Herr Bracht.

Christian Bracht: Leider nicht.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Die sind aber heute sehr lieblos. Sie kennen aber Arztbriefe. Und der Arztbrief ist schon im Vergleich zu einem Protokoll fast Disneyland. Also was ich mir wünsche, dass wir aus diesen Protokollen, die sehr technisch sind, wer war dabei, was ist die Empfehlung, das ist weder semantisch noch emotional noch grammatikalisch überprüft, dass man das übersetzt aus einem Protokoll, einen Brief formuliert, den Patientinnen, Patienten, aber auch Angehörige verstehen, aber auch die Hausärzte verstehen, was damit umzufangen. Das ist so ein Konzept, woran wir gerade arbeiten.

Christian Bracht: Sehr interessant. Ich würde noch einen ganz klaren Punkt sagen, das ist Expertise. Das haben Sie eben nicht genannt. Weil ich glaube, es wird sehr deutlich, dass in einem Krebszentrum wie zum Beispiel die Charité ein unglaubliches Know-how vorhanden ist. Und das bringt mich dann auch zu der nächsten Frage. Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen Tumorkonferenzen bei Ihnen in der Charité und einem kleineren Krankenhaus? Und wenn es so ist, sollte man dann sich nicht lieber auch nochmal eine Zweitmeinung einholen? Wie ist Ihre Meinung dazu?

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Absolut. Also das Thema Zweitmeinung ist ein ganz großes Thema. Also gerade wenn es um so eine existenziellen Themen geht wie Krebs oder eine schwere Erkrankung, das kann auch meiner Meinung nach bei einer Herzerkrankung ist das genauso derselbe Fall. Wir müssen einfach akzeptieren, dass Qualität nicht überall gleich ist und auch nicht jeden Tag gleich ist.

Und dass Qualität Infrastruktur braucht. Und unser Gesundheitswesen, was wir ja verändern wollen, hat viele, viele Jahrzehnte versucht, flächendeckend überall die gleiche Qualität aufrecht zu erhalten. Und da sind wir auch viel besser als in vielen anderen Ländern.

Aber bei der Dynamik des Wissens, bei dem Anspruch der Qualität, weiß Deutschland, weiß die Politik, aber wissen auch die Krankenkassen und auch die Zentren, dass nicht jeder mehr alles machen kann. Und ich kann nur sagen, ja, Tumorkonferenzen sind wichtig, aber sie sind auf keinen Fall überall gleich. Weil es hat was mit den Personalstrukturen zu tun.

Das hat eben damit zu tun, dass wir zum Beispiel an der Charité, ich glaube 50 verschiedene Konferenzen haben. 50. Und zwar jede Woche. Nicht jetzt in einem Monat, sondern jede Woche. Und dass eben diese Konferenzen auch Qualität brauchen von Fachpersonal. Und ich hatte das angedeutet mit dem Thema Studien.

Wer hat denn überhaupt die Studien? Also wenn eine Klinik in der Regel keine Studien macht, was ein Qualitätsmerkmal für das Zentrum ist, auch einen Überlebensvorteil hat. Wenn eine Klinik an Studien teilnimmt, hat die Patientin, der Patient, die an so einem Zentrum geht, eine höhere Prognose. Aber viele Kliniken haben gar nicht den Zugang zu Studien.

Das heißt, da kann ich Ihnen schon meine Hand aufs Feuer legen, dass ein Großteil der Kliniken, die nicht an Studien teilnehmen, auch nicht Studien empfehlen werden in der Tumorkonferenz. Und das ist schon ein Nachteil. Das heißt ja nicht, dass jeder in eine Studie muss.

Aber die Patientin, der Patient, sollte die Option haben, Ja und Nein zu sagen. Aber wenn der Patient das gar nicht bekommt, die Information, wie soll er das entscheiden? Und das wäre schon das Erste. Wenn mir keine Studie vorgeschlagen worden ist, dann kann ich Ihnen nur sagen, sollte man auf jeden Fall eine zweite Meinung einholen in einer Klinik, was an Studien teilnimmt.

Also das ist ein Thema. Also es gibt bisher keine strukturierte Qualitätskontrolle von Tumorkonferenzen. Das muss man einfach sagen. Man guckt nach, ob die Berufsgruppen vertreten sind. Aber ob die Therapie wirklich dem höchsten Standard entspricht, wird nicht überprüft. Und es wird in der Regel auch nicht überprüft, ob die Empfehlung der Tumorkonferenz umgesetzt worden war und wie das Ergebnis war.

Christian Bracht: Kommen wir zu einem anderen wichtigen Punkt, Angehörige. Was raten Sie Angehörigen? Wie können Familie, Freunde den Prozess rund um die Tumorkonferenz unterstützen? Vielleicht gute Fragen stellen im Arztgespräch.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Der Erste wäre hier meine Empfehlung, erst mal mit den Betroffenen selber gehen. Also wenn ich als Angehöriger unterstützen möchte, dann würde ich jetzt empfehlen, erst mal die Person zu fragen, willst du, dass ich dich unterstütze? Und dann gibt es ein Ja oder ein Nein oder ich weiß nicht. Und dann würde ich sagen, es gibt ja verschiedene Arten von Unterstützung. Unterstützung heißt, ich bringe dich zur Zweitmeinung.

Oder willst du, dass ich dabei bin? Weil viele Patientinnen wünschen sich, dass bei dem Gespräch nach der Tumorkonferenz, wenn es um die Empfehlung geht, jemand dabei ist. Und der Arzt das aber gar nicht eben vorbereitet. Sondern der Arzt trifft die Patientin, sage ich mal, im Flur und sagt, ja, ich habe für Sie noch die Tumorkonferenz-Empfehlung zum Beispiel.

Jetzt einfach mal provokativ und pointiert formuliert. Das heißt, dass ich als Angehöriger erst mal frage, willst du, dass ich dich unterstütze? Wenn ja, wie? So, und dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie ich das unterstütze. Ich könnte ja auch nach Studien suchen selber als Angehöriger, wenn die Patientin, der Patient das will.

Also wichtig ist, dass sowas in Allianz geht. Und dass man das eben nicht parallel macht. Weil natürlich kann ich auch als Angehöriger sehr gut verstehen, ich habe Angst um meinen geliebten Menschen. Und suche jetzt, was alles möglich ist. Und das kann aber auch Konflikte auslösen. Und zwar einmal mit dem Betroffenen, weil er es gar nicht will, weil er selber Verantwortung übernehmen möchte.

Und es kann Konflikte geben, wenn unterschiedliche Ziele da sind. Der eine konzentriert sich mehr auf Lebensqualität, der eine sagt, ich brauche jetzt die Heilung im Wunder, weiß ich nicht. Und ich glaube, wichtig ist das offene Gespräch.

Und auch, wenn Ärzte dabei sind, ist es auch wichtig, dass die Angehörigen nicht das Gespräch dominieren. Es sei denn, die Betroffene will das. Weil ich das auch immer wieder sehe, dass dann Angehörige manchmal aus Angst oder aus besonderer Emotionalität heraus dann das Gespräch so dominieren wollen, dass dann die Betroffene viel zu kurz kommt.

Das sind Konflikte, die es gibt. Aber mir ist es wichtig, dass wir diese Konflikte aussprechen, weil es immer um die Beziehung geht und nicht um eine kurze Situation. Und das ist, was ich auf den Weg bringen kann.

Christian Bracht: Sehr interessant führt mich dann auch letztendlich zur letzten Frage, die wir heute haben in diesem Podcast. Wenn ich als Patient oder Patient verunsichert bin, was Sie da eben gerade geschildert haben, welche Fragen sollte ich meinen Arzt nach der Tumorkonferenz unbedingt stellen, um die Entscheidung besser zu verstehen?

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jalid Sehouli: Also, was ich immer jetzt wieder erfahre, und ich mache das ja jetzt schon fast über 30 Jahre, dass es manchmal um die einfachen Erklärungen geht. Also, wenn ich sage Strahlentherapie oder eine Chemotherapie oder Erhaltungstherapie.

Ich habe vor wenigen Tagen eine Patientin gehabt, die hochintellektuell ist. Und die hatte eine Eierstockkrebsoperation. Und da kriegt sie eben das sogenannte Drei-Säulen-Konzept. Drei-Säulen- Konzept meint hier eine Operation. Und das war erfreulicherweise alle Tumorknoten, die man sichtbar mit den Augen sehen konnte, sind entfernt. Dann kommt nach etwa 2 bis maximal 8 Wochen eine Chemotherapie über ein halbes Jahr.

Und dann gibt es eine sogenannte Erhaltungstherapie in Tablettenform für einige Jahre. Das ist das Drei-Säulen-Konzept. Und dann sagt sie, Herr Professor, ich verstehe gar nicht, was gibt es denn da zu erhalten? Ich bin doch tumorfrei operiert.

So, und dann musste ich ein bisschen schmunzeln. Aber sie hat natürlich recht, weil was will man denn erhalten? Das heißt Erhaltungstherapie. Aber die Erhaltungstherapie ist gemeint, dass der Effekt der Chemotherapie in der Krebszelle, die man nicht sehen kann, so zerstört, dass dieser Effekt erhalten bleibt.

Aber sie sagt ja, wenn ich einen Krebs habe, soll er erhalten werden. Und das macht Misstrauen. Was ich dazu nur sagen kann, versuchen Sie die Frage, warum.

Ich habe letztens erst mir gefragt, welches Wort wäre denn für mich das Wichtigste. Und das ist tatsächlich das Warum. Also nur erklären, warum. Und dass man einfach nur versteht, warum es ist und warum etwas anderes, was ich im Kopf habe, nicht wirksam ist oder warum das nicht die erste Empfehlung ist.

Und ich glaube, das ist ganz wichtig, weil wir können nicht immer nur sagen Standard, Standard, Standard, sondern wir müssen auch als Medizinerinnen und Mediziner erst lernen, Patienten zu erklären, warum und was ist das Ziel. Geht es um Heilung? Geht es um das sogenannte Gesamtüberleben, dass ich mit dieser Therapie länger lebe?